Voluntary Victims
Architekten sind Verfechter von Ordnung und Sicherheit.
Alles Katastrophische weisen sie von sich, um es den Ingenieuren, Politikern
und Sicherheitskräften unterzuschieben. Dennoch sind auch sie nicht
von der verfemten Faszination gefeit, die dem unvermittelt hereinbrechenden,
zerstörerischen Ereignis innewohnt. Das Statische in Bewegung zu
sehen, die Dynamik des Falls und der Explosion gehören zum Beeindruckendsten,
was wir kennen, selbst oder vielleicht gerade dann, wenn wir um die
Opfer eines solchen Ereignisses wissen. Hat sich der Staub gelegt, sind
die Wogen der Hysterie verebbt und die Toten und Verletzen geborgen,
treten nahezu unbemerkt die Baumeister auf den Plan, um das Terrain
der Katastrophe wieder neu zu vermessen. Die Zerstörung - im seltensten
Fall ein endgültiger Vernichtungsakt - schafft gerade Raum und
Ambition, Neues zu erschaffen, um dem Akt der Destruktion mit einem
Akt der Produktion zu entgegnen. So ist die Katastrophe, ob sie nun
Resultat einer kriegerischen oder terroristischen Handlung, einer natürlichen
Entladung oder eines Unfalls ist, meist auch ein initiatorischer Impuls
für das Einsetzten eines verstärkten Transformations- prozesses
der Stadt. Die Katastrophe von 9.11 wurde auf Grund ihrer schockierenden
Plötzlichkeit, der massen- medial geschickten Inszenierung und
ihrer enormen physischen Energie zum wohl größten und einprägsamsten
Ereignis unserer Zeit. Den Architekten fiel es recht schwer, in ihrer
anfänglichen Deckung zu verweilen. Sie bestritten zunächst
jede planerische Mitverantwortlichkeit oder wälzten sie mit gespielter
Naivität auf Fachplaner ab, nur um darauf mit umso bestimmenderer
Vehemenz das befriedete Schlachtfeld zu besetzen. Die Terroristen von
New York hatten aber ganz gezielt die Zerstörung einer bestimmten
Architektur im Sinne, die sie für schuldig hielten. Und in der
Tat scheint das WTC in seiner dualen Form wie kaum ein anderes Gebäude
Symbol für das politisch-ökonomische System zu sein, welches
die Türme erschaffen hat und gegen das die Terroristen anzukämpfen
versuchten. Langsam schien den Architekten zu dämmern, dass sie
immer schon Teil des Politischen waren. Dennoch erlagen die Meisten
weiterhin der Versuchung, die Verantwortung auf ihre verwandten Kollegen
abzuwälzen. Sollten doch die Ingenieure sicherere Tragwerke bauen,
Gebäudetechniker ihre Warnsystem verbessern, etc.. In dem Projekt
«Voluntary Victims» stellt sich das Architektenteam WTO
der Verantwortung und unternimmt den Versuch, New York ein terrorsicheres
Update zu verpassen. In einem megalomanen Masterplan werden bereits
vorhandene Infra- und Sozialstrukturen und ihre Schnittstellen aufgenommen,
anpassungsfähig gemacht, miteinander verwoben und auf die Architekturen
der Stadt abgestimmt. Die Gefahr des Terrors soll nicht nur auf der
technischen, sondern auch auf der symbolischen Ebene abgewehrt werden.
Dabei werden Traditionen und Mythen der Stadt aufgegriffen und in die
neue Erzählung eingeschrieben. Am Ende steht die Frage, ob derjenige,
der sich auf die Katastrophe vorbereitet, diese nicht gar herbeisehnt,
um zumindest Gewissheit darüber zu erlangen, dass nicht alle Mühe
umsonst gewesen ist.